350 Jahre altes Lexikon wird restauriert

Das älteste Buch der Welt stammt aus China und ist 1.145 Jahre alt, somit rund 600 Jahre älter als die erste Gutenberg-Bibel. Ein 350 Jahre altes Buch wird am Kärntner Landesmuseum in der Abteilung Botanik restauriert.

Es handelt sich um eine Art Medizinlexikon von Johann Joachim Becher. Bibliothekarin Sonja Kuß vom Kärntner Landesmuseum sagte, das Botanikzentrum habe vor ein paar Jahren ein phantastisches Buch geschenkt bekommen: „Es lag lange auf einem Dachboden, wurde gefunden und uns geschenkt. Es ist aus dem Jahr 1663.“ Sie begann vor rund einem Jahr, das Buch zu restaurieren. Alleine der Titel lässt darauf schließen, dass dieses Werk sehr alt ist: „Das ist ‚Parnassus medicinalis illustratus‘ oder ‚Ein neues und dergestalt vormal noch nie gesehenes Thier, Kräuter und Bergbuch‘“.

Kapitel mit Holzschnitten illustriert
Heute würde man sagen, Lexikon der Heilkunde mit Kommentaren, so Kuß. Von vier Bänden liegen dem Kärntner Landesmuseum zwei vor. In einem beschäftigt sich der Autor mit der Zoologie und in dem anderen mit der Pflanzenkunde: „Der Autor des Buches ist Johann Joachim Becher und er war damals ein Universalgelehrter. Er lebte im deutschsprachigen Raum und präsentiert hier Heilmittel aus der ganzen Welt. Er beschreibt, woher sie kommen und wie sie verarbeitet werden. Diese Heilmittel sind tierischen als auch pflanzlichen oder mineralischen Ursprungs.“
Die einzelnen Kapitel sind mit Holzschnitten illustriert und werden mit Reimen eingeleitet, wie beispielsweise beim Kalmus, einer Röhrichtpflanze: „Von Kalmus nutzet man die Wurzel, ist gar gut im Fall es im Leib dem Menschen grimmen tut. Verstopfte Leber, Milz, verhaltene Weiberzeit, eröffnet sie fünf Stück. Macht man auch bereit ein Wasser und ein Öl, die Wurzel eingemacht.“

Beide Bände in schlechtem Zustand
Die beiden Bände sind in einem schlechten Zustand, so die Bibliothekarin. Es sei jahrhundertelang auf einem alten Dachboden gelegen. Es habe auch sehr deutliche Gebrauchsspuren, das Buch sei also wirklich gelesen worden, so Kuß. Es liege ein schwarzer Farbfilm drauf, der Einband sei fast komplett gelöst, der Lederrücken zerbrochen und es sei auch stark verschmutzt.
Bevor das Buch restauriert wird, muss es genau untersucht werden, zum Beispiel wie es gemacht wurde, wie der Einband aussieht oder was der Schriftträger sei. Denn früher habe man auch oft Pergament verwendet. Es seien kleine Schritte, so Kuß. Am einfachsten sei es, das Buch weiter zu zerlegen, um das Papier zu reinigen, Risse zu schließen und weiter zu verfahren.

So wenig Chemie wie möglich
Zu diesem Zweck begann Kuß damit, die einzelnen Lagen aus dem Buch zu lösen: „Die Lagen das sind die Doppelblätter, aus dem der Buchblock zusammengeheftet wurde. Diese Lagen werden zuerst einmal trocken gereinigt.“ Mit einem Kautschukschwamm werden von der Oberfläche des Papiers die gröberen Verschmutzungen entfernt.
Nach der Trockenreinigung müssen die Seiten in ein Wasserbad. Diese Prozedur wird drei Mal wiederholt: „Es ist reines, lauwarmes Wasser ohne Zusatz. In der Restauration arbeitet man mit so wenig chemischem Einsatz wie möglich.“

Fehlende Teile werden ergänzt
Papier ist stärker als man denkt, der Faserbrei hält sogar das Wasserbad aus, sagte Kuß: „Nach diesem Bad werden die Blätter zum Trocknen aufgelegt. Bevor sie ganz trocken und die Poren noch etwas offen sind, werden die Blätter noch mit einer Methylzellulose nachgeleimt.“ Methylcellulose kann man sich wie Tapetenkleister vorstellen. Jedes Blatt wird damit auf einer Seite bestrichen. Mit diesem Vorgang wird das Papier gestärkt, so Kuß: „Danach geht es an die Wiederherstellung der Seiten, an die Papierrestaurierung. Wir schauen uns an, welche Schäden vorliegen. Das meiste sind Risse, die geschlossen werden müssen.“
Oder es fehlen Teile des Blattes, beispielsweise verursacht von Mäusen auf dem Dachboden. „Es gibt wirklich große Schäden, die Teile müssen ergänzt werden.“ Für beide Fälle nimmt Sonja Kuß Japanpapier, um die Seiten zu vervollständigen. Das sei durchscheinend und lasse sich gut verarbeiten. Man könne das Japanpapier auch gut einfärben, sagte Kuß: „Damit der Kontrast zwischen dem Japanpapier und dem Original nicht so extrem ist, färbt man es ein.“ Japanpapier wurde früher mit Tee eingefärbt, heute verwenden Restauratoren Seidenmalfarben und ein Alkoholgemisch. Es sei ein Basteln und Probieren, bis die Farbe stimme.

Damit man das Japanpapier über die Fehlstelle kleben kann, wird es gerissen. Dann kommt wieder Methylcellulose zum Einsatz. Sie ist wasserlöslich und somit kann man den Klebevorgang rückgängig machen: „Im Gegensatz zu den bei uns so beliebten Tixo. Mein Appell an alle Buchliebhaber ist, bitte kein Tixo verwenden, es entstehen braune Flecken.“

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red, kaernten.ORF.at

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